Herkunft, Eigenschaften, Anwendung

Baumwolle, Polyester und Co.: Diese Fasern begleiten uns durchs ganze Leben

Baumwoll- und Synthetikfasern spielen in unserem Alltag eine wichtige Rolle. Sie sind die Grundlage für viele textile Anwendungen. Von welchen ihrer vielen Eigenschaften wir profitieren, erklären zwei Experten.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Baumwollfasern findet man häufig in Bekleidung, die direkt auf der Haut getragen wird, Synthetikfasern sind wegen ihrer vielfältigen Eigenschaften oft in technischen Textilien enthalten.
  • Baumwolle wird weltweit in Ländern um den Äquator angebaut. Der größte Teil der Synthetikfasern stammt aus Asien.
  • Beide Fasern können technisch recycelt werden, dadurch sinkt aber die Qualität. Deshalb verfolgt die EU den Grundsatz: Weiter- und Wiederverwendung vor Recycling.

Beim Sport schwitzen wir gerne im T-Shirt aus Synthetik, weil die Faser dafür sorgt, dass der Schweiß schnell abgeleitet wird. Bei der Alltagskleidung ist unser Favorit Baumwolle, weil sie bequem ist und die Form hält. Das ist noch lange nicht alles. „Eigentlich sind wir immer und überall von Fasern umgeben,“ sagt Axel Drieling vom Faserinstitut Bremen (FIBRE). 

Fakten & Hintergründe

Ob natürlich oder künstlich – sie sind die Grundlage für Dekotextilien, stecken in Bettdecken oder Kissen und kommen in Hightech-Anwendungen wie im Automobilbau und in der Medizin zum Einsatz oder verstärken den Beton von Bauwerken und die Rotorblätter von Windkraftanlagen. aktiv hat bei Faserforscher Drieling und Elke Hortmeyer von der Bremer Baumwollbörse nachgefragt, welche Rolle diese Fasern im modernen Leben spielen und von welchen ihrer Eigenschaften wir profitieren.

„Eigentlich sind wir immer und überall von Fasern umgeben“ Axel Drieling,

Faserforscher am FIBRE in Bremen

Baumwollfaser: Der Allrounder mit Wohlfühleffekt

Woher sie kommt: Baumwollfasern werden weltweit in etwa 70 Ländern in der warmen Region um den Äquator angebaut. Die größten Anbauländer sind China, Indien, Brasilien und die USA sowie Pakistan. Auf sie entfiel zuletzt, laut Zahlen der Bremer Baumwollbörse, der Großteil der weltweiten Baumwollfaserproduktion von 26 Millionen Tonnen.

Was sie kann: Als Naturfaser ist Baumwolle hautfreundlich, atmungsaktiv und saugfähig. „Sie besteht zu 95 Prozent aus Cellulose, wird also am Ende ihrer Nutzung biologisch abgebaut“ sagt Hortmeyer. „Ihre wichtigste Trageeigenschaft ist die Feuchtigkeitsaufnahme. Sie schafft ein angenehmes Mikroklima ohne sich nass auf der Haut anzufühlen“, ergänzt Experte Drieling. Das macht sie ideal für Alltagskleidung, die direkt auf der Haut getragen wird. Auch für Bettwäsche, Handtücher und andere Heimtextilien ist sie gut geeignet. Nachteil: Baumwollkleidung trocknet leider nur langsam.

Was aus ihr wird: Nur 15 Prozent der in der EU gesammelten gut 1.600.000 Tonnen Alttextilien - darunter auch Baumwolle - werden recycelt, so eine Studie Die Studie des FIBRE im Auftrag der Stiftung GRS in Hamburg. Das geschieht meistens durch Reißen der Faser. Drieling: „Dabei werden die Fasern kürzer und verlieren an Qualität. Sie können noch für Produkte mit geringeren Anforderungen eingesetzt werden. Dazu gehören etwa Dämm- oder Vliesstoffe.

Ein echtes Recycling zu Fasern mit gleicher Qualität sei zwar technisch möglich, aber noch nicht wirtschaftlich, so der Experte. Möglich ist auch ein chemisches Verfahren: Dabei wird die Cellulose aus der Faser herausgelöst und kann dann etwa zu Lyocell verarbeitet werden. „Generell ist aber die Wiederverwendung der hochwertigste Weg. So kann getragene Kleidung weitergegeben oder erneut genutzt werden“, sagt Drieling. Die EU folgt diesem Grundsatz in ihrer Textilstrategie: Es gilt Weiter- und Wiederverwendung vor Recycling.

Was problematisch ist: Den oft genannten Wasserverbrauch von 10.000 Liter pro Kilo Baumwolle hält Hortmeyer zwar für übertrieben. „Aber es stimmt: Baumwolle benötigt Wärme und Sonne. Je nach Anbaugebiet hängt der Ertrag dann von zusätzlicher Bewässerung ab.“ Im Schnitt benötigt ein Kilo Rohbaumwolle 1.600 Liter Wasser, so Zahlen des International Cotton Advisory Committee (ICAC).

Entscheidend ist die Wasserart, so Hortmeyer: 40 Prozent des weltweiten Baumwollanbaus kommen mit grünem Regenwasser aus, 60 Prozent werden künstlich bewässert. Besonders bei dieser Bewässerungsart wird oft auf ressourcenschonende Tröpfchenbewässerung gesetzt. Beispiel Israel: Auf den dortigen Baumwollplantagen wird aufbereitetes Wasser durch Tröpfchenbewässerung an die Pflanze gebracht.

Synthetikfasern: Geschaffen aus Erdöl und extrem robust

Woher sie kommen: Polyester, Polyamid und Polypropylen sind die drei wichtigsten Synthetikfasern. Laut dem aktuellen Marktreport der Organisation Textile Exchange wurden 2024 weltweit 78 Millionen Tonnen Polyester produziert. Das entspricht 59 Prozent der globalen Produktion der Kunstfasern, gefolgt von Polyamid (7 Millionen Tonnen) und Polypropylen (3,4 Millionen Tonnen).“ Polyester ist eindeutiger Marktführer, weil es bei gegebenen Tragekomfort sehr günstig ist“, sagt Drieling. Die Vormachtstellung Chinas bei aus Polyester gefertigten Garnen ist mittlerweile so groß, dass die EU auf deren Einfuhr hohe Zölle erhebt.

Was sie können: „Bei Synthetikfasern lassen sich die Eigenschaften gezielt einstellen. Länge, Durchmesser und Festigkeit können weitgehend an den jeweiligen Einsatzzweck angepasst werden“, sagt Drieling. Sie trocknen schnell und knittern nicht, sind ideal für Sportkleidung. Andererseits können sie elastisch, leicht und sehr reiß- und zugfest sein. Deshalb sind sie Grundlage vieler textiler Anwendungen wie Gurte, Segel oder Seile. Sie lassen sich zudem flammhemmend, wasserabweisend oder UV-stabil ausrüsten.

Nachteil: Im Alltag fühlt sich Kleidung etwa aus Polyester häufig weniger angenehm an als Textilien aus Baumwolle, weil sie Feuchtigkeit nicht in der Faser aufnehmen. Bei intensiver sportlicher Belastung kann genau diese Eigenschaft allerdings zum Vorteil werden: „Polyester nimmt den Schweiß nicht auf, sondern leitet ihn entlang der Faser weiter und trocknet schnell“, erklärt Drieling. Wenn sehr viel Wasser transportiert werden muss, hat Polyester gegenüber Baumwolle also einen Vorteil.

Was aus ihnen wird: „Die Fasern können mechanisch, thermomechanisch oder chemisch recycelt werden“, erklärt Drieling. Das Problem: Auch dabei leidet - wie beim Recycling von Naturfasern – die Faserqualität, so dass recycelte Synthetikfasern nur für Produkte mit geringeren Anforderungen eingesetzt werden – wie etwa für Vliesstoffe. Werden die Fasern nicht wiederverwendet oder recycelt, werden sie verbrannt oder deponiert. Verfahren mit einem echten Faser-zu-Faser-Ansatz, bei dem die Qualität der recycelten Fasern der Originalfaser entspricht, sind bisher erst in der Entwicklungsphase.

Was problematisch ist: Synthetikfasern basieren auf Erdöl, sind also nicht biologisch abbaubar und geben über ihre Lebenszeit Mikroplastik ab, das sehr lange in der Umwelt bleibt. Deshalb wird an nachhaltigen Alternativen aus Hanf, Mais, Milchsäure oder Chitin geforscht. Synthetikfasern wie Polyester sind außerdem nicht nur günstig, „sie lassen sich auch schnell und bedarfsgerecht herstellen“, erklärt Hortmeyer.

Damit werden sie zur Grundlage von Ultra-Fast-Fashion – schnell verkauften Textilien von oft geringer Qualität. Hortmeyer: „Sie werden oft nur kurz genutzt und schnell entsorgt. Aufgrund ihrer schlechten Faserqualität können sie kaum weiterverwendet oder verwertet werden.“ So wächst der globale Textil- und Kleiderberg immer weiter an.

Die Chemiefaser-Industrie in Europa

  • In Europa werden lediglich 2 Prozent des weltweiten Chemiefaseraufkommens produziert. Ein vergleichsweise kleiner, aber technologisch führender Anteil.
  • Zu den bedeutendsten europäischen Produzenten gehören Lenzing aus Österreich, Teíjin Aramid aus den Niederlanden, die Radici Group aus Italien sowie Enka aus dem bayerischen Obernburg, wo das Unternehmen Viskosefilamentgarne fertigt.
  • Der größte Anteil an Chemiefasern, zu denen auch Synthetikfasern gehören, wird aus China importiert. Die Konkurrenz der oft sehr billigen Fasern macht besonders europäischen Herstellen seit Jahren Probleme.
  • Die EU-Kommission hat deshalb ein langwieriges Anti-Dumping-Verfahren angestrengt. Aktuell liegt der Anti-Dumping-Zoll für ausgesuchte chinesische Produzenten von Polyamidgarnen bei über 60 Prozent.

Anja van Marwick-Ebner

aktiv-Redakteurin

Anja van Marwick-Ebner ist die aktiv-Expertin für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie berichtet vor allem aus deren Betrieben sowie über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach der Ausbildung zur Steuerfachgehilfin studierte sie VWL und volontierte unter anderem bei der „Deutschen Handwerks Zeitung“. Den Weg von ihrem Wohnort Leverkusen zur aktiv-Redaktion in Köln reitet sie am liebsten auf ihrem Steckenpferd: einem E-Bike.

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