Wirtschaftswissen zum Mitreden

Fünf wichtige Fragen, die die deutsche Wirtschaft gerade bewegen

Schon seit geraumer Zeit geht es abwärts in der Industrie. Was steckt hinter der Krise? Und was ist los am Standort Bayern? aktiv erklärt die Zusammenhänge und schildert Auswirkungen auf Beschäftigte und Betriebe.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Die Ursachen der Krise: Sinkende Gewinne, hohe Arbeitskosten und starre Regulierung schwächen den Standort; Fachkräftemangel dämpft aber den Anstieg der Arbeitslosigkeit im Vergleich zu früheren Krisen.
  • Das sind die Belastungsfaktoren: Steigende Sozialabgaben durch demografischen Wandel, EU-Verbrenner-Ausstieg bis 2035 gefährdet speziell in Bayern Arbeitsplätze. Dazu kommt ein veraltetes, unflexibles Arbeitszeitgesetz.
  • Handlungsansätze sind: Technologieoffene Klimaregeln statt reiner E-Antrieb-Vorgabe, Reform des Arbeitszeitgesetzes hin zu wöchentlicher statt täglicher Höchstarbeitszeit mit der EU-Arbeitszeitrichtlinie als Vorbild sowie Sozialabgaben-Reform zur Senkung der Arbeitskosten. Dies trägt auch zur Sicherung der Rendite- und Investitionsfähigkeit der Betriebe bei.

Wirtschaft auf Talfahrt, steigende Kosten überall: Viele von uns spüren, dass es im Land nicht rundläuft. Die Krise trifft uns alle. Doch wo liegen die Ursachen – und was können wir tun?

Um das zu beantworten, müssen wir erst mal schauen, warum es uns bisher so gut gegangen ist. Einer der Gründe ist, dass wir eine gut laufende Industrie hatten. Sie garantierte den Menschen hohe Löhne – die Jobs etwa in der Auto-Industrie zählen zu den bestbezahlten in Deutschland. Die Gewinne der Unternehmen flossen sowohl in Steuern als auch in neue Investitionen.

Doch gerade für die Industrie haben sich die Standortbedingungen massiv verschlechtert. Die Auto-Industrie steckt in der Krise. Die Gewinne vieler Firmen schrumpfen, die Arbeitskosten laufen aus dem Ruder. Die De-Industrialisierung nimmt Fahrt auf, Deutschlands Anteil an der globalen Industrieproduktion sinkt.

aktiv klärt die wichtigsten fünf Fragen, um die Krise besser zu verstehen.

Fakten & Hintergründe

1

Wo versteckt sich die Krise am Arbeitsmarkt

Wirtschaftskrisen und hohe Arbeitslosigkeit gehörten für viele insbesondere aus der Babyboomer-Generation lange zusammen. Denn das haben sie selbst erlebt: Von Mitte der 1990er bis Mitte der 2000er Jahre lag die Arbeitslosenquote häufig über 10 Prozent. 2005 war der traurige Höchststand von 4,9 Millionen Arbeitslosen erreicht.

Heute ist die Lage trotz Konjunkturflaute eine andere: Im Juli 2026 meldete die Arbeitsagentur „nur“ rund drei Millionen Arbeitslose, die Quote lag bei 6,4 Prozent. Entscheidender Unterschied zu früher: der wachsende Fachkräftemangel. Eine Studie im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) zeigt, dass allein in Bayern bereits 2030 in vielen klassischen Berufen der Metall- und Elektro-Industrie (M+E) Fachkräfte fehlen werden. Bis 2035 soll die Lücke branchenübergreifend auf 290.000 Personen anwachsen.

Die Betriebe reagieren deshalb anders als früher: Sie bauen Stellen eher schrittweise ab, indem sie etwa ältere Beschäftigte früher in den Ruhestand schicken und frei werdende Stellen nicht neu besetzen. In Bayerns M+E-Industrie gingen 2025 mehr als 20.000 Arbeitsplätze verloren, für 2026 wird Ähnliches erwartet. Auch das ist anders als früher: Es gibt weiterhin einen Überhang an Ausbildungsplätzen. Während um die Jahrtausendwende rechnerisch zwei Bewerber auf eine Stelle kamen, ist das Verhältnis heute umgekehrt.

5.300.000 Beschäftigte sind in Deutschlands verarbeitendem Gewerbe tätig – 12 Prozent aller Erwerbstätigen

Quelle: Statistisches Bundesamt

Kurz gesagt: Aufgrund des wachsenden Fachkräftemangels macht sich die Krise auf dem Arbeitsmarkt nicht so stark bemerkbar wie in früheren Zeiten. Sie ist aber trotzdem da – und verursacht schleichend Stellenabbau und De-Industrialisierung.

2

Wofür brauchen Unternehmen Gewinne?

Wenn die Nachrichten von „Millionengewinnen“ bei Unternehmen sprechen, klingt das nach viel. Dabei ist eine andere Zahl viel wichtiger: Was bleibt eigentlich vom Umsatz übrig, nachdem das Unternehmen Löhne, Material, Energie und Zinsen gezahlt hat? Genau dieser Rest entscheidet nämlich darüber, ob und wie viel ein Betrieb investieren kann: in Innovationen, Erweiterungen, Digitalisierung oder Dekarbonisierung. Wenn diese Investitionen über längere Zeit ausbleiben, droht langfristig die Insolvenz – und damit gehen Arbeitsplätze verloren.

Wie hoch die Gewinne sein müssen, damit Unternehmen am Markt bestehen können, hat gerade eine Studie der Beratung IW Consult im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) errechnet.

M+E-Betriebe erreichen nicht die nötige Rendite

Dabei vergleicht die Studie die erzielten Gewinne mit dem, was Betriebe mindestens erwirtschaften müssen, um Kredite zu bedienen und Kapitalgeber bei der Stange zu halten. Diese Kapitalkosten beziffert die Studie mit 4,8 Prozent. Doch diese Mindestschwelle haben Industrieunternehmen jüngst oft nur knapp oder gar nicht erreicht – sie verdienen also zu wenig, um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben.

Eine Umfrage unter bayerischen M+E-Betrieben bestätigt dies: 17 Prozent befürchten, im laufenden Jahr Verluste zu schreiben. Insgesamt befinden sich 44 Prozent in einer kritischen Ertragslage. Für Innovationen oder Erweiterungen bleibt also wenig übrig. So wollen nur gut 11 Prozent in Erweiterungen investieren – ein Niedrig-Rekord! In Innovationen stecken 14,7 Prozent Geld.

Die vbw-Studie zeigt auch, dass Firmen nicht auf Kosten der Beschäftigten sparen, im Gegenteil: In der Industrie ist der Anteil der Löhne am erwirtschafteten Einkommen zwischen 2015 und 2025 auf 78,5 Prozent gestiegen, der Gewinnanteil aber auf 21,5 Prozent geschrumpft. Anders gesagt: Die Löhne sind in dem Zeitraum jährlich im Schnitt um 4,5 Prozent gestiegen, die Unternehmenseinkommen nur um 1,8 Prozent.

Kurz gesagt: Gewinne von heute sind eine Voraussetzung für Beschäftigung von morgen. Wenn es Unternehmen nicht gut geht, leiden am Ende auch die Mitarbeitenden. Auch die Löhne müssen vom Unternehmenseinkommen gedeckt sein – doch da sieht es bei vielen derzeit nicht gut aus.

3

Weshalb ist Arbeit in Deutschland so teuer?

Der Standort Deutschland – und damit auch Bayern – hat ein Problem, das gleich von zwei Seiten kommt. Da sind einerseits die hohen Gehälter. Die Arbeitnehmerentgelte sind von 2015 bis 2025 im Schnitt um 4,5 Prozent pro Jahr gestiegen. In der Metall- und Elektro-Industrie kostet eine Arbeitsstunde knapp 54 Euro, in Rumänien und China nur ein Fünftel davon.

Dem gegenüber stehen die hohen sozialen Standards hierzulande – und damit entsprechend hohe Sozialbeiträge. Sie werden unweigerlich weiter steigen, wenn nicht bald Reformen kommen. Jetzt, wo die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, schlägt der demografische Wandel voll durch. Die Finanzierung kippt, es kommen einfach zu wenig junge Beitragszahler nach.

Hohe Sozialbeiträge und steigende Entgelte sind ein Nachteil im internationalen Wettbewerb

42,3 Prozent: So viel vom Bruttoverdienst geht derzeit durchschnittlich an Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung (je nach Krankenkasse und Kinderzahl variiert der Wert). Die Arbeitgeber fordern seit Jahren eine Obergrenze von 40 Prozent. Dieser magische Wert ist längst überschritten.

Im internationalen Vergleich zählen die Arbeitskosten in Deutschland mit zu den höchsten. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft produziert die deutsche Industrie 22 Prozent teurer als die ausländische Konkurrenz. Das ist schlecht für die Wettbewerbsfähigkeit und setzt die Unternehmen unter Druck.

Kurz gesagt: Teurer, aber besser, so rechtfertigte man lange die hohen Kosten am Standort Deutschland. Aber allein durch höhere Qualität ist der Nachteil nicht mehr auszugleichen. Denn Wettbewerber aus dem Ausland sind inzwischen oft mindestens genauso gut – und dazu noch günstiger.

4

Wieso steckt die Auto-Industrie in der Krise?

Europa schreibt es vor: Ab 2035 dürfen in der EU keine neuen Autos mehr zugelassen werden, die beim Fahren CO2 ausstoßen. Also muss die Produktion in wenigen Jahren komplett auf Elektroantrieb umgestellt werden.

Was das gerade für das Autoland Deutschland bedeutet, hat die Studie „ELAB2040“ untersucht, die unter anderem im Auftrag der bayerischen M+E-Arbeitgeberverbände entstand.

Insbesondere nimmt sie die Auswirkungen im Bereich der Produktion des Antriebsstrangs in den Blick. Hier sind die Umwälzungen durch die Umstellung auf Elektromobilität besonders groß. Dieser Bereich steht für rund ein Viertel von Wertschöpfung und Beschäftigung beim klassischen Verbrennungsantrieb. Die Studie zeigt: ein „Weiter so“ kann europaweit zu massiven negativen Auswirkungen führen.

Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel

In Zahlen bedeutet dies: Im Jahr 2040 werden EU-weit rund 726.000 weniger Beschäftigte benötigt als noch im Jahr 2024, als die Auto-Industrie 1,6 Millionen Arbeitsplätze stellte. Zudem gehen rund 95 Milliarden Euro von insgesamt rund 250 Milliarden Euro an Wertschöpfung gegenüber 2025 verloren. Deutschland trifft es dabei besonders hart, denn hier arbeiten mehr Menschen als in anderen Ländern in der Auto-Industrie.

Besser wegkommen würde Deutschland, wenn die EU technologieoffenere Regelungen für das Erreichen der Klimaziele zulässt, etwa mit vollständiger Berücksichtigung des CO2-Minderungseffekts erneuerbarer Kraftstoffe. Wird der Zeitvorteil für eine konsequente Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts genutzt, lassen sich weitere Verluste abwenden.

Kurz gesagt: Technologieoffenheit ist die eine Sache. Doch nur mit investitions- und innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen können Jobs gesichert werden. Selbst die Verluste durch das Auslaufen der Verbrennertechnologie könnten dann mehr als ausgeglichen werden.

5

Warum brauchen wir flexible Arbeitszeiten?

Acht Stunden täglich, dann ist Schluss. Mehr ist nach dem bestehenden Arbeitszeitgesetz in Deutschland nicht drin. Es wird derzeit überarbeitet, eine Reform ist politisch in der Mache. Das ist nötig, denn die Berufswelt hat sich stark gewandelt. Wirtschaft läuft heute anders als noch vor Jahrzehnten. Die Arbeitszeit-Regelungen aber stammen aus dem letzten Jahrhundert. Sie schränken die Betriebe ein.

In einer vernetzten Welt muss die Zusammenarbeit grenzüberschreitend funktionieren. Beschäftigte in Service, Forschung und Entwicklung etwa arbeiten heute oftmals über mehrere Zeitzonen hinweg gemeinsam an Projekten. Da muss man sich abstimmen, auch wenn die Uhren nicht überall gleich ticken. Starre Vorgaben passen schlicht nicht in diese moderne Arbeitswelt.

Die bestehenden Regelungen zur Arbeitszeit passen nicht in die moderne Arbeitswelt

Mehr Flexibilität für alle würde die europäische Arbeitszeitrichtlinie bringen. Sie erlaubt es, statt einer täglichen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zugrunde zu legen: heute zehn, morgen nur sechs Stunden. Damit wären einzelne längere Arbeitstage möglich, ohne dass das Wochenpensum insgesamt steigt. Es geht also nicht darum, mehr zu arbeiten, sondern nur anders verteilt.

Kurz gesagt: Mehr Flexibilität hilft beiden Seiten. Arbeitgeber und Beschäftigte können Zeiten gemeinsam vereinbaren, angepasst an betriebliche Gegebenheiten. Das schafft auch soziale Vorteile, etwa bei der Vereinbarung von Familie und Beruf.

Alix Sauer

Leiterin aktiv-Redaktion Bayern

Alix Sauer hat als Leiterin der aktiv-Redaktion München ihr Ohr an den Herausforderungen der bayerischen Wirtschaft, insbesondere der Metall- und Elektro-Industrie. Die Politologin und Kommunikationsmanagerin volontierte bei der Zeitungsgruppe Münsterland. Auf Agenturseite unterstützte sie Unternehmenskunden bei Publikationen für Energie-, Technologie- und Mitarbeiterthemen, bevor sie zu aktiv wechselte. Beim Kochen und Gärtnern schöpft sie privat Energie.

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Friederike Storz

aktiv-Redakteurin

Friederike Storz berichtet für aktiv aus München über Unternehmen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Die ausgebildete Redakteurin hat nach dem Volontariat Wirtschaftsgeografie studiert und kam vom „Berliner Tagesspiegel“ und „Handelsblatt“ zu aktiv. Sie begeistert sich für Natur und Technik, Nachhaltigkeit sowie gesellschaftspolitische Themen. Privat liebt sie Veggie-Küche und Outdoor-Abenteuer in Bergstiefeln, Kletterschuhen oder auf Tourenski.

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