Einmal feste polieren, bitte!

Lackierroboter bei PPG in Hilden: Wie Technik den Fahrzeuglackierer entlastet

Beim Lackhersteller PPG werden Lacke digital gemischt und Fachkräfte aus Lackierbetrieben geschult – zum Beispiel in neuartigen Technologien. Dabei kommen auch Cobots und virtuelle Arbeitsinstrumente zum Einsatz.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Im Technology Center von PPG werden Fachkräfte aus Autowerkstätten und Lackierfachbetrieben auf die digitalen Refinish-Techniken geschult.
  • Lackierrobotor bearbeiten große Flächen, die Fachkraft übernimmt Feinarbeiten. So beugt die Automatisierung dem Fachkräftemangel in der Branche vor.
  • In Zukunft werden auch knifflige Schleif- und Polierarbeiten durch Cobots möglich sein.

Fünfzehn ganz ähnliche Schattierungen von Schwarz: hier mit einer Prise Violett, dort mit einem Hauch von Gelb … Das geschulte Auge von Solvejg Zimmer vermag solche feinen Nuancen zu erkennen. Die Coloristin leitet das Farblabor des Lackherstellers PPG in Hilden - und arbeitet dort täglich mit moderner Farbtechnologie, die den Fahrzeuglack auf den Millimeter genau trifft. PPG ist ein Marktführer für Fahrzeug-Reparaturlacke, im Hildener Technology Center bündelt sich das Refinish-Fachwissen.

Das Unternehmen

  • Die PPG Deutschland Sales & Services GmbH in Hilden ist ein Standort eines US-Konzerns: PPG ist einer der weltweit führenden Beschichtungshersteller.
  • Mit 125 Mitarbeitern ist Hilden die Zentrale für die deutschsprachigen Länder: Hier werden wasserbasierte Lacke und technisches Zubehör an rund 2.500 Fachkunden vertrieben.
  • Außerdem werden digitale Tools entwickelt und Fachkräfte geschult.

Ob Unfall, Steinschlag oder kleiner Kratzer: Stets muss der neu aufgetragene Fahrzeuglack an der Reparaturstelle ganz genau mit dem Farbton des alten Lacks übereinstimmen. Na ja, denkt da der Laie, wenn man den Farbcode des Autos kennt, wird es schon passen … „Von wegen!“, winkt Zimmer beim aktiv-Besuch ab. „Farbe ist nicht gleich Farbe – denn die Untergründe und Produktionsbedingungen variieren.“

Fakten & Hintergründe

Farbe ist nicht gleich Farbe – Fahrzeuglack kann anspruchsvoll sein

Coloristinnen wie Zimmer nuancieren so lange, bis der Farbton aus allen Blickwinkeln und bei jedem Licht mit dem eingeschickten Original übereinstimmt. Dafür kombinieren sie eine Vielzahl an Pigmenten, berücksichtigen die unterschiedlichen Verarbeitungsbedingungen bei den Autoherstellern und Werkstätten – und erstellen schließlich ein reproduzierbares Rezept.

Frauen seien übrigens bei dieser Tätigkeit im Vorteil, sagt die Laborchefin, weil sie die rund 100.000 Farbtöne besser unterscheiden können. Jedes Rezept wird in einer Datenbank gespeichert, sie ist die Grundlage für die Digitalisierungstools von PPG. Autowerkstätten, Lackierfachbetriebe, Fahrzeughersteller und Meisterschulen schicken bis zu 1.300 Fachkräfte und Azubis jährlich nach Hilden, für Trainings und Produkttests. Oft geht es darum, die neuesten Trends kennenzulernen.

Digitale Farbmischung: Präzision bis auf zwei Nachkommastellen

Ein technisches Highlight hier ist der Farbmischraum. Pascal Matzen, ein frisch ausgebildeter Fahrzeuglackierer, führt die moderne Technik vor. Die Aufgabe: Kfz-Reparaturlack für ein blaues Karosserieteil anmischen. Matzen hält das Farbtonmessgerät mit der hochauflösenden Kamera ans Blech und führt eine Messung durch. Das Ergebnis wird am Bildschirm angezeigt, der passende Farbton direkt ausgewählt und mit der automatisierten Farbmischanlage „MoonWalk“ ausgemischt.

Das System wählt dafür die richtigen Lackdosen per Barcode aus, lässt 20 Milliliter von diesem, 15 von jenem und einige Tröpfchen von den übrigen Zutaten in den Becher fließen: präzise abgemessen – bis auf zwei Nachkommastellen! Die Digitalisierung spart dabei viel Zeit und Material. Während früher zur Bestimmung des passenden Farbtons mehrere Musterkarten manuell erstellt und verglichen werden mussten, kann dieser Prozess durch die digitale Vorauswahl und das Ausmischen von Kleinstmengen reduziert werden.

Selbst das Umrühren ist keine Handarbeit mehr: Ein Gerät bewegt den Becher auf einer Schiene hin und her und dreht ihn dabei. „Das ist ein vordefinierter Prozess auf Knopfdruck“, sagt Matzen, „wir wissen, am Ende ist alles perfekt vermischt.“ Schließlich besprüht er eine Musterkarte und hält sie neben das Original: Passt!

Der Lackierroboter als Kollege gegen den Fachkräftemangel

Nebenan arbeitet in einer Lackierkabine der Roboter „PaintGo“ an einem Karosserieteil: Mit gleichmäßigen Bewegungen sprüht der Metallarm Farbe auf. Der Roboter fährt auf Schienen und kann Autos oder bis zu sechs demontierte Teile gleichzeitig lackieren. Als Cobot arbeitet er nicht hinter Gittern, sondern Hand in Hand mit den Menschen. Die Maschine erledigt schnell und fehlerfrei die großen Oberflächen, die Fachkraft übernimmt die Kanten und andere Feinarbeiten.

„Der Roboter lässt sich innerhalb eines Tages in der Lackierkabine integrieren und kann mit einer überschaubaren Investition helfen, Auftragsspitzen abzufangen. Er ersetzt den Handwerker aber nicht“ 

Arek Fiedorowicz, Marketingchef

PPG testet diese Technik seit über einem Jahr – und entwickelt sie weiter. „Wir lernen ihre Möglichkeiten und Grenzen kennen“, erklärt Marketingchef Arek Fiedorowicz. „Der Roboter lässt sich innerhalb eines Tages in der Lackierkabine integrieren und kann mit einer überschaubaren Investition helfen, Auftragsspitzen abzufangen. Er ersetzt den Handwerker aber nicht.“

Jochen Kleemann, Geschäftsführer von PPG Sales & Services, sieht in der Automatisierung ein Mittel gegen den Fachkräftemangel: „Bei vielen unserer Kunden steht ein Drittel der Belegschaft vor der Rente und sie haben Schwierigkeiten, die Stellen nachzubesetzen. Der Roboter ist wie ein zusätzlicher Kollege. Voraussetzung ist allerdings ein Umdenken bei den Betriebsprozessen: Welche Arbeiten lasse ich von ihm erledigen? Welche mache ich manuell?“

Fahrzeuglackierer Matzen war der Einzige in seiner Berufsschulklasse, der schon so einen Lackierroboter bedient hat. Und er will den Helfer nicht mehr missen. „Er wird mir auf keinen Fall die Arbeit wegnehmen“, ist sich Matzen sicher. Sein Vater hat einen Lackierbetrieb, vielleicht wird Matzen diesen eines Tages übernehmen. „Der Beruf hat nicht das beste Image“, weiß der junge Fahrtzeuglackierer, „aber diese Arbeit muss nicht dreckig sein. Vor allem nicht mit der neuesten Technik.“ Kürzlich hat er hier vor Ort einen Praktikanten mithilfe einer VR-Brille angelernt: Nach dem virtuellen Training konnte der noch unerfahrende Neuling die echte Lackierpistole gleich viel besser handhaben.

In ihrem Innovationslabor arbeiten die Hildener am übernächsten Schritt, wie Geschäftsführer Kleemann betont. „Wir überlegen, was in ein bis fünf Jahren auf den Markt kommen könnte. Welche Auswirkungen gibt es auf unser Kerngeschäft, welche Empfehlungen geben wir an die Kunden weiter?“

Ein Schleifroboter muss mikrometergenau arbeiten

Aktuell geht es um Schleif- und Poliercobots, die bei aufwendigen Vor- und Nachbereitungen helfen könnten. Eine knifflige Sache. Denn beim Schleifen gibt es, anders als beim Lackieren, keinen Abstand mehr zwischen dem eigentlichen Werkzeug und der empfindlichen, behandelten Oberfläche. Der Roboter muss deshalb mikrometergenau arbeiten. Da bedarf es noch vieler Testreihen und einer Menge Feinjustierungen, bis auch so ein stummer Kollege in die Lackierwerkstätten einziehen kann.

Handwerk mit Nachwuchssorgen

  • Mehr als 4.500 Betriebe sind bundesweit im Karosserie- und Lackierhandwerk tätig. Sie erwirtschafteten 2025 einen Gesamtumsatz von 5,5 Milliarden Euro.
  • Die Unternehmen beschäftigen rund 40.000 Menschen (darunter über 3.700 Auszubildende).
  • Laut Angaben des Zentralverbands Karosserie- und Fahrzeugtechnik (ZKF) liegt der Stundensatz für Lackierarbeiten derzeit bei 172 Euro.
  • Hauptproblem der Branche ist der Fachkräftemangel: Die Beschäftigtenzahl sinkt, freie Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt.

Matilda Jordanova-Duda

Autorin

Matilda Jordanova-Duda schreibt für aktiv Betriebsreportagen und Mitarbeiterporträts. Ihre Lieblingsthemen sind Innovationen und die Energiewende. Sie hat Journalismus studiert und arbeitet als freie Autorin für mehrere Print- und Online-Medien, war auch schon beim Radio. Privat findet man sie beim Lesen, Stricken oder Heilkräuter-Sammeln.

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