Private Unfallversicherung: Sinnvoll oder nicht?
Ein Bänderriss auf dem Fußballplatz, ein Treppensturz zu Hause: Die meisten Unfälle passieren in der Freizeit. Eine private Unfallversicherung ist für die Folgen solcher Ereignisse gedacht. Doch nicht jede Absicherung lohnt sich.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Die gesetzliche Unfallversicherung greift nur im Job. Die meisten Unfälle passieren jedoch in der Freizeit – hier setzt die private Unfallversicherung an.
- Die wichtigste Leistung der privaten Unfallversicherung ist eine Zahlung bei dauerhafter Beeinträchtigung nach einem Unfall. Es gibt viele Extras – nicht alle lohnen sich.
- Je nach Unfallrisiken kann die private Unfallversicherung sinnvoll sein. Da die Leistungen und Bedingungen sehr variieren, kommt es auf einen genauen Blick aufs Kleingedruckte an.
Eine private Unfallversicherung kann die Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung ergänzen. Diese beiden Arten der Unfallversicherung decken unterschiedliche Bereiche ab. Worauf zu achten ist, wenn man sich für eine private Unfallversicherung interessiert, das erläutert Expertin Julia Alice Böhne vom Bund der Versicherten.
Was ist der Unterschied zwischen der gesetzlichen und der privaten Unfallversicherung?
Die gesetzliche Unfallversicherung ist ein Teil des deutschen Sozialversicherungssystems – ebenso wie die Kranken- und Pflegeversicherung. Es gibt sie bereits seit mehr als 100 Jahren.
Beschäftigte schenken der gesetzlichen Unfallversicherung im Allgemeinen wenig Aufmerksamkeit, weil sie nicht auf der Entgeltabrechnung auftaucht. Die gesetzliche Unfallversicherung zahlt allein der Arbeitgeber.
Jeder, der in einem Arbeits-, Ausbildungs- oder Dienstverhältnis steht, ist gesetzlich unfallversichert. Der Schutz erstreckt sich auch auf Arbeits- und Wegeunfälle sowie Berufskrankheiten. Sogar Verletzungen beim Betriebssport oder auf Firmenfeiern sind abgedeckt.
Zu den Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung gehören außer der medizinischen Behandlung und Reha noch Renten, Übergangsgelder sowie Entschädigungen an die betroffene Person oder ihre Angehörigen.
Die meisten Unfälle passieren allerdings außerhalb der gesetzlichen Unfallversicherung, betont Expertin Julia Alice Böhne vom Bund der Versicherten. Besonders unfallträchtige Orte sind:
- das eigene Zuhause,
- der Straßenverkehr,
- der Freizeitsport.
Was deckt eine private Unfallversicherung alles ab?
„Zusatzleistungen wie Krankenhaustagegeld, ,Gipsgeld‘, Helmboni oder Übergangsleistungen sehen wir kritisch. Sie können den Vertrag verteuern, ohne zwingend notwendig zu sein“
Julia Alice Böhne, Bund der Versicherten
Versichert sind grundsätzlich Unfälle in der Freizeit und auch im Beruf, im Haushalt, beim Sport oder im Urlaub, sagt Böhne. Die wichtigste Leistung ist die sogenannte Invaliditätsleistung – vorrangig als einmalige Kapitalleistung. Sie wird gezahlt, wenn nach einem Unfall dauerhafte gesundheitliche Schäden bleiben.
Je nach Tarif sind weitere Leistungen möglich, zum Beispiel:
- Such-, Bergungs- oder Rettungskosten,
- Krankentagegeld (die Absicherung des Verdienstausfalls während der Arbeitsunfähigkeit),
- Krankenhaustagegeld (eine pauschale Unterstützung je Tag, den man im Krankenhaus verbringt),
- Übergangsleistungen,
- Assistance-Leistungen,
- Kosten für kosmetische Operationen,
- Unfallrenten,
- Leistungen bei Unfalltod.
Böhne rät: „Gute Tarife sollten aus unserer Sicht außerdem auch bei bestimmten unfallähnlichen Ereignissen Versicherungsschutz bieten.“ Das sind aus ihrer Sicht etwa:
- Infektionen durch Hautverletzungen oder Insektenstiche,
- allergische Reaktionen nach Insektenstichen,
- psychische oder nervöse Störungen infolge eines Unfalls,
- Gesundheitsschäden durch Verrenkungen, Zerrungen oder erhöhte Kraftanstrengung.
Welche Leistungen bietet eine private Unfallversicherung?
Die wichtigste Leistungsart ist die Invaliditätsleistung. Sie wird gezahlt, wenn durch einen Unfall eine dauerhafte körperliche oder geistige Beeinträchtigung zurückbleibt. Zusätzlich kann man zum Beispiel Unfallrenten, Todesfall- oder Assistance-Leistungen vereinbaren.
In welchen Fällen bekommt man Geld von der privaten Unfallversicherung?
Leistungen gibt es insbesondere dann, wenn nach einem Unfall eine dauerhafte körperliche oder geistige Beeinträchtigung bleibt.
Die Höhe der Leistung richtet sich unter anderem nach:
- dem Invaliditätsgrad,
- der vereinbarten Invaliditätsgrundsumme,
- einer möglichen Progression: Verschlimmert sich der Zustand, dann steigt die Leistung um einen festgelegten Prozentsatz.
Der Invaliditätsgrad richtet sich nach einer sogenannten Gliedertaxe. Dabei werden bestimmten Körperteilen oder Sinnesorganen feste Prozentsätze zugeordnet.
Tipp: Versicherte müssen bestimmte Fristen beachten. „Häufig muss die Invalidität innerhalb eines Jahres nach dem Unfall eingetreten sein“, erläutert Böhne. Betroffene müssen sie innerhalb bestimmter Fristen ärztlich feststellen lassen und beim Versicherer geltend machen.
Außerdem zu beachten ist der Mitwirkungsanteil. „Der Mitwirkungsanteil ist der Prozentsatz, der angibt, inwieweit nicht unfallbedingte Gesundheitsprobleme zu den Unfallfolgen beigetragen haben“, erklärt die Expertin. „Wenn eine bestehende Krankheit oder ein Gebrechen die Invalidität nach einem Unfall mitverursacht, kann dies zu einer Kürzung der Versicherungsleistungen führen.“
Dabei legen Versicherer eine prozentuale Höchstgrenze fest, bis zu der die Mitwirkung bestehender Krankheiten und Gebrechen an der unfallbedingten Invalidität „unschädlich“ ist. Das heißt, bis zu dieser Grenze mindert sie Versicherungsleistungen nicht. Böhnes Empfehlung: Dieser Mitwirkungsanteil sollte mindestens 50 Prozent betragen.
Wie hoch sollte die Versicherungssumme sein?
Der Bund der Versicherten empfiehlt eine Invaliditätsgrundsumme von mindestens 200.000 Euro. Die Progression sollte im Bereich von 350 Prozent liegen. Durch die Progression wird berücksichtigt, dass man deutlich mehr Geld braucht, je schlimmer die Beeinträchtigung ist. Selbst bei geringeren Invaliditätsgraden können erhebliche Mehrkosten entstehen – etwa für Umbauten, Hilfsmittel oder Mobilität.
Verträge mit sehr niedriger Grundsumme und hoher Progression wirken auf den ersten Blick günstig, leisten aber gerade bei den häufigeren niedrigeren Invaliditätsgraden oft zu wenig, sagt Böhne.
Was zahlt die private Unfallversicherung bei einem Arbeitsunfall, was bei einem Freizeitunfall?
Die private Unfallversicherung zahlt die vertraglich vereinbarte Leistung. Ob sich der Unfall in der Freizeit oder während der Arbeit ereignet, ist unerheblich. Böhne ergänzt: „Allerdings kann es beim privaten oder beruflichen Aufenthalt in Kriegs- oder Krisengebieten Einschränkungen oder Ausschlüsse geben.“
Zahlt die private Unfallversicherung bei einem Verkehrsunfall?
„Das hängt davon ab, ob ein versicherter Unfall im Sinne der Versicherungsbedingungen vorliegt“, sagt Böhne. Entscheidend sei, ob eine dauerhafte gesundheitliche Beeinträchtigung bleibe und was in der Police stehe.
Je nach Situation kommen weitere Versicherungen ins Spiel, etwa die Kfz-Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers.
Zahlt die private Unfallversicherung Zahnersatz?
Eine klassische private Unfallversicherung ist nicht für Zahnersatz gedacht. Denn dafür sind die Krankenversicherung und gegebenenfalls eine private Zahnzusatzversicherung da.
Böhne fügt hinzu: „Manche Tarife der privaten Unfallversicherung übernehmen allerdings Kosten für kosmetische Operationen oder bestimmte unfallbedingte Zahnbehandlungen oder Zahnersatzleistungen.“
Man sollte daher genau prüfen, welche Leistungen im Vertrag konkret enthalten sind – und inwieweit diese zum individuellen Absicherungsbedarf passen.
Wie sieht es mit Schmerzensgeld aus?
Einige Unfallversicherungstarife sehen zusätzliche Leistungen wie Schmerzensgeld vor, etwa bei Schnittwunden. „Wir bewerten solche Zusatzleistungen allerdings kritisch und halten sie häufig für verzichtbar“, meint die Expertin. „Sie verteuern oft den Vertrag, ohne einen wesentlichen zusätzlichen Schutz zu bieten.“
Warum lohnt sich eine private Unfallversicherung für Kinder?
„Wir empfehlen, Kinder in erster Linie über eine Pflegetagegeldversicherung gegen die finanziellen Folgen einer Invalidität abzusichern“, sagt Böhne. Geht das nicht, zum Beispiel, weil die Beiträge zu hoch sind, dann sollte man den Abschluss einer Kinderunfallversicherung prüfen.
Ist eine private Unfallversicherung für Senioren sinnvoll?
Für ältere Menschen kann eine Unfallversicherung sinnvoll sein, wenn deren Unfallrisiko steigt. Allerdings sind dann oft die Beiträge höher. „Zudem entstehen gesundheitliche Einschränkungen im Alter oft durch Krankheiten und nicht durch Unfälle“, bemerkt Böhne. „Eine Unfallversicherung deckt Krankheiten jedoch grundsätzlich nicht ab.“
Ihr Tipp: Seniorinnen und Senioren sollten genau checken, ob Preis und Nutzen einer privaten Unfallversicherung in einem sinnvollen Verhältnis stehen.
Was ist der Unterschied zwischen Berufsunfähigkeits- und Unfallversicherung?
Berufsunfähigkeits- und Unfallversicherung beziehen sich auf unterschiedliche Risiken. Die private Unfallversicherung leistet bei dauerhaften Gesundheitsschäden durch einen Unfall. Sie soll unfallbedingte Mehrkosten abfedern – etwa für den barrierefreien Umbau der Wohnung, ein behindertengerechtes Auto oder spezielle Hilfsmittel. Sie ist keine Absicherung des unfallbedingt geminderten oder entfallenden Erwerbseinkommens.
Eine Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsversicherung dient dagegen der Absicherung der Arbeitskraft. Sie greift bei allen gesundheitsbedingten Ursachen, die die Arbeitskraft beeinträchtigen, nicht nur bei Unfällen.
So hilft betriebliches Eingliederungsmanagement
Das betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) unterstützt Beschäftigte nach längerer Arbeitsunfähigkeit bei der Rückkehr in den Job. Ob Unfall oder Krankheit: Der Anspruch auf ein BEM besteht, wenn man innerhalb von zwölf Monaten mehr als sechs Wochen arbeitsunfähig war – gegebenenfalls auch bei einem Armbruch. Häufige Eingliederungshilfen sind der stufenweise Wiedereinstieg nach dem Hamburger Modell, technische Maßnahmen wie Hebehilfen oder eine angepasste, ergonomische Arbeitsumgebung. Die Ziele: erneute Ausfälle vermeiden und den Arbeitsplatz sichern. BEM-Verfahren sind immer freiwillig und verlaufen ganz individuell. Die Beteiligten ermitteln gemeinsam, welche Schritte der betroffenen Person wirklich dienlich sind. Dann setzen sie sie um und prüfen den Erfolg.
Ist eine private Unfallversicherung dasselbe wie eine Haftpflichtversicherung?
Die Versicherungen haben völlig unterschiedliche Aufgaben. Die private Haftpflichtversicherung zahlt Personen, Sach- und Vermögensschäden, die Versicherte schuldhaft anderen Menschen zufügen. Die private Unfallversicherung zahlt, wenn man selbst infolge eines Unfalls eine bleibende Invalidität erleidet.
Die private Haftpflichtversicherung gehört zu den wichtigsten Versicherungen – alle sollten sie haben. Im Unterschied dazu kann eine private Unfallversicherung eine sinnvolle ergänzende Absicherung sein. Und zwar dann, wenn man Unfallgefahren ausgesetzt ist, weil man zum Beispiel einen körperlich anstrengenden Beruf ausübt, viel Sport treibt, reist oder in Haus und Heimwerkerei aktiv ist.
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