Vom Auto zur Rüstung: Was der Wechsel mit Beschäftigten macht
Ein ganzer VW-Standort soll bald Rüstungsgüter produzieren. Auch viele Autozulieferer orientieren sich in Richtung Verteidigung. Sabine Pfeiffer forscht zu Transformationsprozessen: Wie meistern Mitarbeiter den Wandel?
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Der Wechsel von der Auto- in die Rüstungsindustrie löst bei Beschäftigten unterschiedliche Reaktionen aus.
- In der Autoindustrie besteht häufig eine starke Identifikation mit dem Produkt Auto.
- Veränderungen gehören für viele Beschäftigte längst zum Arbeitsalltag.
Professorin Sabine Pfeiffer lehrt Soziologie mit dem Schwerpunkt Technik, Arbeit und Gesellschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie forscht seit vielen Jahren zu Digitalisierung und dem Wandel von Arbeit in der Industrie. Vor ihrem Weg in die Wissenschaft hat sie eine Ausbildung zur Werkzeugmacherin absolviert und mehrere Jahre bei einem Autozulieferer gearbeitet.
Frau Pfeiffer, was macht es mit Mitarbeitenden, wenn sie plötzlich Rüstungsteile produzieren, statt wie vielleicht jahrzehntelang zuvor in der Auto-Industrie zu arbeiten?
Mein Eindruck ist: Die Reaktionen darauf sind sehr unterschiedlich. Es gibt natürlich die, die sagen: Hauptsache, es geht hier am Standort überhaupt weiter – egal, was wir produzieren. Und es gibt andere, die dem Wechsel der Produkte skeptischer gegenüberstehen.
Woher rührt die Skepsis?
Dazu muss man wissen, dass es gerade in der Automobil-Industrie eine sehr große Identifikation mit dem Produkt Auto gibt – insbesondere bei den großen Herstellern, aber auch bei Zulieferern. Identität entsteht eben oft auch über den Beruf. Wer bislang Autos gebaut hat und jetzt Küchenwaagen oder Rüstungsgüter produziert, bei dem rührt das am Selbstverständnis. Und es gibt natürlich auch persönliche Unterschiede, ob man Rüstung wichtig findet oder ablehnt.
Da spiegelt sich in den Betrieben die gesellschaftliche Debatte.
Genau. Wir beobachten in den Unternehmen dieselbe Polarisierung, die wir auch in der Gesellschaft sehen: Auf der einen Seite diejenigen, die sagen, die Welt hat sich verändert und Deutschland muss sich besser verteidigen können. Auf der anderen Seite Menschen, die Rüstung aus der deutschen Geschichte heraus kritisch sehen. Und dann gibt es auch ökonomische Zweifler, die sagen: Die Rüstung wird nie so viel produzieren können, um alle Arbeitsplätze zu erhalten.
Die Öffnung hin zur Verteidigung ist nicht die einzige Transformation in der Auto-Industrie. Auch die Veränderung vom Verbrenner zum Elektromotor, die Digitalisierung und der Einsatz von KI treiben Beschäftigte um. Wie erleben Mitarbeiter solche Veränderungsprozesse?
Was sich in meinen Studien nicht bestätigt, ist die Zuschreibung von außen, dass Beschäftigte ängstlich auf jede Art von Veränderung reagieren. Man hört oft: Die Leute haben Angst und bewegen sich nicht. Aber das stimmt nicht! Redet man mit Beschäftigten in den Betrieben, hört man vielmehr, dass sie sich ständig bewegen. Auch diese Vorstellung vom Mitarbeiter, der einmal im Unternehmen seine Ausbildung gemacht hat und gern bis zur Rente dasselbe tun würde, ist ein Klischee. In Betrieben ändert sich ja ständig etwas. Richtig ist: Vieles von dem, was von außen als Transformation gesehen wird, ist für die Beschäftigten selbst fast Business as usual: nicht grundlegend neu, sondern eher mit etwas mehr Schlagzahl.
„Vieles von dem, was von außen als Transformation gesehen wird, ist für die Beschäftigten fast Business as usual“
Professorin Sabine Pfeiffer, Uni Erlangen-Nürnberg
Aber bei der Elektromobilität geht es doch um mehr als eine veränderte Schlagzahl. Da geht es um komplett neue Arbeitsprozesse und Produkte.
Das stimmt in Bezug auf den Antrieb, nicht auf das ganze Auto. Allerdings wird von außen oft unterstellt, dass die Mehrzahl der Beschäftigten nostalgisch am Verbrenner hängt und etwa für ökologische Fragen nicht offen wäre. Unsere Studien zeigen das Gegenteil: In über 100 qualitativen Interviews, die wir auf allen Ebenen geführt haben, wurde ganz häufig gesagt: „Leute, wir haben bei der Elektromobilität auch aus ökologischer Perspektive vieles noch gar nicht zu Ende gedacht.“ Die Haltung war also nicht fortschrittsfeindlich, sondern eher: Lasst uns die offenen Fragen, die es gibt, doch innovationsmäßig angehen.
Noch einmal zur Rüstung: Lassen sich die Arbeitsprozesse dort eigentlich mit denen in der Auto-Industrie vergleichen? Automotive ist Massenproduktion, Rüstung gleicht oft eher einer Manufaktur.
Wir haben in der Automobil-Industrie absolut ausreichend qualifizierte Beschäftigte, die beides bedienen können. Viele würden sich sogar wünschen, manufakturähnlicher zu arbeiten, weil man all die Fähigkeiten, die man in einer dreijährigen oder dreieinhalbjährigen Facharbeiterlehre lernt, in der Serienproduktion nur begrenzt einbringen kann. Das haben wir auch in unserer Studie festgestellt: Einer der Hauptgründe, warum Mitarbeiter eine Weiterbildung machen, ist der Wunsch, ein breiteres Spektrum an Tätigkeiten zu haben. Sicher – und aus anderer Hinsicht vielleicht auch zum Glück – skaliert Rüstung nicht wie die Autobranche, allerdings werden Drohnen auch in anderen Losen produziert als U-Boote oder Panzer.

Aber es gibt doch auch massive Unterschiede zwischen den Branchen.
Ich glaube, der größte Unterschied liegt beim Thema Kostenbewusstsein: Automobilmenschen haben die Kostensenkung sozusagen in ihrer DNA. Hier ist man darauf getrimmt, überall noch den letzten Cent rauszuholen. In der Rüstung ist oft so viel Geld da, dass der Cent keine Rolle spielt – wobei man sich schon fragen darf, ob das sinnvoll ist, denn am Ende zahlen wir alle als Steuerzahler.
Sie haben selbst mal bei einem Autozulieferer gearbeitet. Hatten Sie auch Berührungspunkte mit der Rüstung?
Ich habe als Werkzeugmacherin bei einem Auspuffanlagenhersteller gearbeitet. Wir hatten tatsächlich damals eine bestimmte Handpresse, mit der wir einem Rüstungsbetrieb aushelfen mussten, weil die genau diese Art von Presse nicht hatten. Es ging darum, zu testen, die Rundung mehrerer hintereinandergelegter Metallscheiben in die andere Richtung zu pressen. Bei den Tests sind viele der extrem teuren Scheiben gesprungen – etwa 90 von 100. Wir waren entsprechend besorgt. Doch die Kollegen aus dem Rüstungsbetrieb sagten: gar kein Problem. Das zeigt die unterschiedlichen Denkweisen.
Wie wird man eigentlich von der Werkzeugmacherin zur Soziologie-Professorin?
Eigentlich wollte ich in der Technik bleiben und habe auch zehn Jahre als Werkzeugmacherin gearbeitet. Dann habe ich mich entschieden, ein Ingenieurstudium zu machen und dafür das Abitur nachgeholt. Die Fachhochschule hat mich dann von meinen Plänen abgebracht, sie war mir zu praxisfern – und ich entschied mich, in die Arbeitssoziologie zu wechseln. Warum? Weil ich vorher oft selbst erlebt hatte, dass man in Betrieben zwar Veränderung technisch umsetzt, aber organisatorisch nicht mitdenkt. Ich wollte verstehen, wie beides besser zusammengeht.
Das könnte Sie auch interessieren:






