Wir verlieren an Substanz

Weniger Investitionen, weniger Wohlstand: Was das Investitionsproblem für Beschäftigte bedeutet

In Deutschland wird so wenig investiert wie nie. Die Folge: Wo kein Geld in Maschinen und Anlagen fließt, entstehen keine neuen Jobs – und kein Wohlstand. Warum halten sich Unternehmen so zurück?

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • In Deutschland wird immer weniger investiert: 2024 lag das Netto-Investitionsvolumen laut einer aktuellen Berechnung bei null.
  • Hohe Arbeitskosten, Bürokratie, Steuern und Energiepreise machen den Standort für viele Unternehmen unattraktiv.
  • Staatliche Milliarden für Infrastruktur sind wichtig, können die Zurückhaltung der privaten Wirtschaft aber nicht allein ausgleichen.

Mitte Oktober rollt Berlin den roten Teppich aus. Nicht für ein Filmfestival – die nächste Berlinale findet erst im Februar statt. Sondern für Geldgeber. „Red Carpet for Investments“, roter Teppich für Investitionen, heißt die Eröffnungsveranstaltung eines Gipfels, den die Bundesregierung in diesem Jahr erstmals ausrichtet.

Die Konferenz „Invest in Germany“ soll internationale Anleger und Unternehmen davon überzeugen, ihr Geld in die deutschen Produktionsstandorte zu stecken. „Deutschland muss wieder vom Standort der Bedenken zum Standort der Investitionen werden“, sagt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche über den Geldgeber-Gipfel, an dem auch der Bundeskanzler, der Finanzminister und der Digitalminister teilnehmen.

Fakten & Hintergründe

Warum fehlende Investitionen Beschäftigte angehen

Dass die Regierung Anleger so umwerben muss, hat einen traurigen Grund: In Deutschland wird immer weniger investiert. Eine aktuelle Berechnung der Beratungsfirma McKinsey mit Daten von OECD und Eurostat zeigt ein prekäres Netto-Investitionsvolumen: 2024 lag die Summe, die in Deutschland abzüglich der Abschreibungen investiert wurde, bei null – und damit so niedrig wie nie! Vereinfacht gesagt: Aktuell wird am Standort nur noch das ersetzt, was kaputtgeht. Der Ausbau von Produktionskapazität und Infrastruktur findet – rein rechnerisch und im Schnitt – nicht mehr statt.

„Deutschland ist für viele Unternehmen als Standort nicht mehr attraktiv“ 

Professor Michael Grömling, IW

Für Professor Michael Grömling ist das eine gefährliche Entwicklung: „Einkommen entsteht durch Produktion und dafür braucht es Maschinen und Anlagen“, sagt der Konjunkturforscher am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Werden die Produktionsmittel nicht ständig erneuert und modernisiert, verliert Deutschland den Anschluss und es entsteht weniger Wohlstand.

Hohe Arbeitskosten bremsen neue Investitionen

Warum das, was Ökonomen Kapitalstock nennen, bei uns nicht zulegt, dafür gibt es laut Grömling mehrere Gründe. „Wir schlittern von einer Krise in die nächste – von Trump über Corona bis zum russischen Krieg in der Ukraine. Und wenn die Zeiten unsicher sind, wird weniger investiert“, erklärt Grömling.

Dazu kommen teils hausgemachte Probleme. Welche das sind und was Unternehmen ganz konkret an Investitionen hindert, das hat Grömling gerade zusammen mit zwei IW-Kollegen untersucht. Dafür wurden im März knapp 1.000 Unternehmen befragt. Ergebnis: Für 77 Prozent waren das größte Problem die hohen Arbeitskosten, von denen ein größer werdender Teil auf Sozialbeiträge entfällt. Zu viel Bürokratie, hohe Steuern und hohe Energiekosten nannten zudem jeweils rund zwei Drittel der Betriebe.

Staatliche Milliarden allein lösen das Problem nicht

„Mit seinen im Vergleich schlechten Investitionsbedingungen ist Deutschland für viele Unternehmen nicht mehr attraktiv“, bilanziert Grömling. Zwar seien die Investitionen aus dem Ausland zuletzt gestiegen. „Da werden aber auch Käufe bestehender Unternehmen eingerechnet. Und durch den reinen Besitzerwechsel entsteht meist keine zusätzliche Produktionskapazität“, erklärt der Ökonom.

Und was ist mit staatlichen Investitionen? Etwa mit dem 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität? Dieses Geld und diese Investitionen seien natürlich wichtig, sagt Grömling, schließlich schaffe der Staat zum Beispiel mit guten Verkehrswegen erst die Voraussetzungen für eine funktionierende Wirtschaft. Allerdings: Der allergrößte Teil der Investitionen in Deutschland komme eben von den Unternehmen der privaten Wirtschaft. „Genau die sind aktuell aber zurückhaltend. Das ist das Problem.“

Michael Aust

aktiv-Redakteur

Michael Aust berichtet bei aktiv als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Germanistikstudium absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Mitarbeiter-Magazine diverser Unternehmen arbeitete. Privat spielt er Klavier in einer Band. 

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